“Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität.”
Albert Einstein
Ein Jahr Ghana – war es lang, war es kurz? Die menschliche Wahrnehmung ist in höchstem Gerade subjektiv und von so manchem Freiwilligen hörte ich, das Jahr sei ja wie im Flug vergangen. Kommt mir persönlich gar nicht so vor. Mein Jahr in Ghana war in unzählige Phasen unterteilt: die Ankunft und das Einleben (sowohl in die Kultur, als auch ins Projekt und die Gastfamilie), verschiedene Projekte (allen voran die mehrwöchige Renovierung des Computerlabs), verschiedene Umstände (Regen- und Trockenzeit), Reisen (vor allem
Sierra Leone), Besuche (meiner und Agnes Familie aus Deutschland) und Umbrüche (ein Gastbruder mehr, ein Gastvater weniger). Auch wenn ich jederzeit doppelt so lange hätte bleiben können – es kam mir fast so vor, als hätte ich länger als ein Jahr (bzw. etwas über 11 Monate) in Westafrika verbracht.
Aber da bekanntlich nur die Wurst zwei Enden hat, kam meines immer näher. Nachdem ich aus Sierra Leone zurückgekehrt und – wie im Artikel vom 8. Oktober beschrieben – endorphinbedudelt durch Swedru getrudelt war, blieb mir noch etwa eine Woche bis zur endgültigen Rückreise nach Europa. Eine Woche, um mich von all den Menschen zu verabschieden, die mir in dem Jahr wichtig geworden waren. Nun ja, “all den” ist vielleicht eine etwas missverständliche Formulierung, aufgrund meiner leicht überdurchschnittlichen Distanziertheit waren es dann doch keine Menschenmassen, ein paar Freunde habe ich aber durchaus gewonnen. Und so entwarf ich zunächst einmal einen Zeitplan der zwingenden und optionalen Erledigungen und Aktivitäten für meine letzten Tage.
Zunächst einmal besuchte ich das Office und spielte UNO mit Williams, der wahllos Karten warf und das mit einem “Üno!” unterstrich. Mit der Zeit durchschaute er allerdings das Regelwerk und wurde zu einem formidablen Gegner, sodass ich mich elegant aus der Affäre ziehen musste. Da kam mir die neue GLOVO-Schule gerade recht. In seinem Expansionsstreben hat Williams auf einem kostenlos zur Verfügung gestellten Grundstück in einem Nachbardorf eine kleine Schule aus Holz errichtet, die GLOVO-Academy. Agnes und ich hatten/haben zunächst einige Vorbehalte gegen dieses Projekt; die (selbst für ghanaische Verhältnisse) Unterbezahlung der Lehrer, die kleinen Klassenräume und die Tatsache, dass eigentlich jedes der von uns unterstützten Kinder bereits eine Schule hat. Einige dieser Vorbehalte lösten sich schließlich auf und in ihrer Gesamtheit scheint die Schule ein sinnvolles Projekt zu sein. Mit der Konstruktion war bereits vor Monaten begonnen worden und wir hatten die Schule in verschiedenen Zuständen gesehen, aber als ich aus Sierra Leone zurückkehrte war das Ganze fertig. Ich lief also vom Office zum Government Hospital, übergab alles was ich an Medikamenten und medizinischer Ausrüstung übrig hatte der Emergency Unit und wurde dann von Williams im Bus am Eingangstor abgeholt, von wo aus wir nach Otaaprow düsten, dem Standort der Schule. Dort verbrachten wir den Nachmittag mit Fotoshootings (ich schaffte es tatsächlich den sonst auf Fotos immer ernst blickenden Williams inmitten einer Traube von Kindern zum Grinsen zu bringen) und Haustürwerbung für die neue Schule.
Nun aber zum wichtigsten Part meiner Abschiedstourneé: Agnes Gastfamilie. Da mein Gastvater unsere Familie im Winter verließ um in London zu studieren und meine Gastmutter, das muss man mal so sagen dürfen, ganz einfach der
unangenehmste Mensch ist, der mir je begegnet ist, verbrachte ich viel Zeit in Agnes Gastfamilie, die zwar deutlich ärmer ist als meine, aber emotional um ein Vielfaches reicher. Acht wilde Kinder, eine liebevolle Großmutter, eine unvergleichliche Gastfreundschaft. Wenn ich dort war wurde ich umsorgt und bewirtet, von allen Seiten sprang man an mir herum, ich spielte Fußball und Fangen oder wir saßen einfach in Agnes Zimmer und guckten Filme (in diesem Fall ohne die Kinder, die auf längere Sicht auch ein biiisschen nerven können, besonders in der Masse). Kurzum: es – war – himmlisch.
Also begab ich mich zunächst mal zu besagter Familie um ein Päckchen mit Häkelutensilien vorbei zu bringen, die meine Mutter nach Ghana geschickt hatte, nachdem sie an einem sehr geselligen Abend im Kreise besagter Familie herausgefunden hatte, dass einige der Kinder besonders gerne häkeln. Außerdem richteten wir zusammen auf meinem Netbook einen Mailaccount für die Familie ein, sodass sie Agnes aus dem Internetcafé heraus ab und zu Mails schreiben können, und versendeten sogleich ein Foto, das leicht humoristisch illustriert, wie sehr sie vermisst wird. Schließlich verabredete ich mit Mama Juliet für den nächsten Tag einen Ausflug an den Strand in Winneba.
Am nächsten Tag stopfte ich bei Parklain, dem kleinen Supermarkt am Texaco, meinen Rucksack mit Keksen, Süßigkeiten und Safttüten voll. Dann traf ich Agnes Gastfamilie am Haus eines Onkels, auf Juliets Anweisung hin fassten sich alle an den Händen und die Menschenkette dackelte in Richtung Shell-Tankstelle. Zwischendurch schmiss Kelvin noch den Kasten einer Meatpie-Verkäuferin um, sodass das feine Gebäck über die Straße kullerte und Juliet ihre Börse zücken musste. Ich schnappte mir das erste noch vollkommen leere Tro, charterte es und los ging der Ritt nach Süden, in Richtung Küste. Praktischerweise setzte man uns für ein paar wenige Zusatzcedi direkt am Sir Charles Beach ab, sodass wir nicht wie gewöhnlich weitere zwanzig Minuten zum Strand latschen durften. Der Tag verlief wie ein Tag am Strand nun mal verläuft – Picknick, Palmenklettern, mit ein paar Obruni-Urlaubsfreiwilligen-Frischlingen (Freiwilligendienste von wenigen Wochen Dauer sind dem allgemeinen weltwärtsler-Konsens zufolge eigentlich Urlaub) quatschen, Sandburgen bauen und eine
panisch um sich beißende Riesenameise in der Badehose, die man inmitten einer Schar von Kindern auf keinen Fall jugendfrei entfernen kann. Dann traf ich zufälligerweise noch Ole und Max vom DRK, mit denen ich mich später auf den Weg zurück nach Swedru machte – Familie Donkor musste schon ein wenig früher zurück.
Blieb also noch ein wichtiger Abschied – der von Annes Familie, insbesondere ihrer Gastmutter Victoria (die mit ihren über 70 Jahren eigentlich eher als Großmutter durchgeht) und ihrem Gastbruder Paakwesi. Für den Abend vor meinem Abflug lud ich die beiden zum Essen ins Greenlandhotel ein. Victoria war leider auf Reisen (Beerdigung), aber Paakwesi kam, und so saßen wir abends am Pool, aßen Sandwiches und Jollof-Reis und redeten bis ich mich zum Packen verabschieden musste. Paakwesi ist einer von zwei Ghanaern, die ich schließlich als “Freunde” bezeichnen konnte, der andere ist mein Lehrerkollege Harrison, der mittlerweile in Accra eine Ausbildung zum Piloten macht.
Nun mögen sich wohl einige fragen, wieso ich den Abschied von meiner eigenen Gastfamilie nicht als “wichtig” klassifiziert habe. Als ich kam bestand die Familie aus vier Mitgliedern, Vater Alex und Mutter Faustina, dem kleinen Kweku und dem nicht mehr so kleinen Kwesi. Kwesi, der sowieso eher ein “Haussklave” (bitte nicht falsch verstehen, der Begriff bezieht sich auf die Behandlung, die ihm von den anderen Familienmitgliedern zuteil wurde) und Sohn einer anderen Mutter war, verlegte sich später aufs Stehlen und floh schließlich zurück in sein Dorf. Alex studiert seit Januar in London. Bleiben also der mittlerweile Vierjährige Kweku und Faustina. Die Weite dieses Artikel reicht leider nicht aus zu beschreiben, warum es so kam, aber schließlich war die Beziehung zwischen ihr auf der einen und Henrik und mir auf der anderen Seite mehr als zerrüttet. Faustina ist – das habe ich oben bereits ohne akute Wut im Bauch und im Versuch, objektiv zu bleiben, erwähnt – zweifelsohne eine der unangenehmsten Personen, der ich je begegnet bin. In den ersten Monaten wurde dieser Umstand durch Alex Anwesenheit gemildert, mit ihm verstand ich mich wirklich sehr gut. Als er schließlich ging wurde es schlimmer, ein Tohuwabohu aus Gemeinheiten und finanziellen Betrugsversuchen (anders kann ich es einfach nicht nennen) Kweku ist aufgrund der sehr ambivalenten Erziehung durch seine Mutter (Schläge auf der einen, erdrückende Liebe auf der anderen Seite) ein wenig “verzogen”. Ich habe mit ihm gespielt, ich mag ihn sehr und glaube, dass er sich noch länger an unsere Hubschrauberflüge erinnern wird, aber es war nicht immer leicht. Im Endeffekt muss ich sagen, dass ich mich in Agnes und Annes Gastfamilien heimischer fühlte als in meiner eigenen. Krass formuliert kann man sagen, dass während Anne und Agnes einen deutlich niedrigeren Lebensstandard, aber dafür herzerwärmende Familien hatten, ich einen für
ghanaische Verhältnisse extrem hohen Standard genoss (wer hat schon einen Plasmafernseher im Wohnzimmer?) und dafür mit emotionalen Entbehrungen zahlte
Als ich schließlich nach einer letzten Nacht in meinem Zimmer, dem Packen und dem Knuddeln von Kweku auf den Hof trat, folgte Faustina mir. Ich lief Richtung Tor, vor dem das Taxi wartete, in der Erwartung mich vor dem Shop von meiner Gastmutter zu verabschieden, hörte dann aber hinter mir ein gemurmeltes “Safe journey.”. Ich drehte mich um und sah noch, wie Faustina wieder im Haus verschwand. Aha, so geht es auch.
In der Stadt traf ich mich mit Ole und Max und wir nahmen das Tro nach Accra. Dort aßen wir noch einmal bei Barcelos, Max unterzog seine Totstelltechnik einem Praxistest bei malischen Bettelkindern (Kinder von Einwanderern aus Mali oder Niger, die von ihren Eltern zum Betteln in Accras Ausländerbezirken gezwungen werden, etwas, das man nicht unterstützen sollte) und schon saßen wir mit den anderen Freiwilligen am Flughafen. Dazu muss man sagen, dass das DRK uns die Wahl zwischen zwei Abreisetermin ließ, der eine Ende Juli, der andere Ende August. Ich wollte so lange bleiben wie möglich und ja sowieso noch nach Salone, also wählte ich den letzteren Termin, etwa die Hälfte der Freiwilligen flog schon früher. Ab durch die Kontrollen, rein ins Flugzeug – und da ist er, der Moment, in dem das Flugzeug über Accra schwebt, ich meiner Sitznachbarin ein Taschentuch anbiete und mir selbst die Erkenntnis kommt, dass ich ein Leben aufgebe und in ein altes zurückkehre. Das Flugzeug fliegt einen Schlenker Richtung Norden und wir verschwinden in der Dunkelheit.
